INTERVIEWS
28/11/2005
Alkohol in der Gebärmutter
Professorin Moira Plant: „Schwangere Frauen, die ab und zu ein Glas trinken, brauchen sich deswegen nicht allzu viele Sorgen zu machen.“ Die britische Professorin Moira Plant ist Direktorin des „Alcohol and Health Research Trust“ an der Universität von West-England. Sie arbeitet seit 1970 als Therapeutin und Wissenschaftlerin über das Thema Alkoholkonsum, wobei ihr besonderes Interesse dem Alkohol während der Schwangerschaft gilt.
Sie schrieb einige Bücher und zahlreiche Artikel über Alkohol während der Schwangerschaft, war jahrelang Beraterin der Weltgesundheitsorganisation und ist Vorsitzende der Arbeitsgruppe über das Trinken während der Schwangerschaft am International Life Sciences Institute (ILSI). Moira Plant gehört also zu den weltweit führenden Wissenschaftlern auf dem Gebiet Alkohol und Schwangerschaft. Am 19. Oktober war sie beim dritten europäischen „Forum for Responsible Drinking“ in Brüssel zu Gast, einem Symposium, das von The Amsterdam Group organisiert wurde (www.amsterdamgroup.org).
Alkohol während der Schwangerschaft steht momentan im Brennpunkt des Interesses. Wie kommt das? Prof. Moira Plant: „Übermäßiger Alkoholkonsum in der Schwangerschaft wird mit dem fetalen Alkoholsyndrom (FAS) bzw. der fetalen Alkoholembryopathie (FAE) in Zusammenhang gebracht, einem Syndrom, das durch eine Reihe ernsthafter Geburtsfehler, darunter Gehirnschaden, Gesichtsabweichungen und Wachstumsretardierung gekennzeichnet ist. Häufig gibt es auch Herz-, Leber- und Nierenfehler und sind sowohl das Seh- als auch das Hörvermogen beeinträchtigt. Menschen mit FAS kämpfen ihr Leben lang mit ernsthaften Problemen. Indem der Alkoholkonsum während der Schwangerschaft gesenkt wird, hofft man, dieses Syndrom aus der Welt zu schaffen.“
Wie oft kommt die Alkoholembryopathie vor? Moira Plant: „Das ist schwer zu sagen. Übermäßiger Alkoholkonsum ist nämlich nicht der einzige Faktor, der beim FAS eine Rolle spielt. Bei Frauen, die in Armut leben, ungesund essen, während der Schwangerschaft Arzneimittel einnehmen oder psychiatrische Probleme haben, besteht ein größeres Risiko, bei übermäßigem Alkoholkonsum ein Kind mit FAS zu bekommen. Auffallend häufig sind die Mütter von FAS-Kindern selbst als Kind körperlich misshandelt oder sexuell missbraucht worden. Es handelt sich dabei also um ein komplexes Krankheitsbild, über das sehr viel diskutiert wird. Aus diesem Grunde gibt es kaum Statistiken über die genaue Häufigkeit. In den Vereinigten Staaten sprach man im Jahr 1997 über einen geschätzten Wert von 10 pro 10 000 lebend Geborenen. In Frankreich schätzt man, dass ein Prozent der Neugeborenen FAS hat. Die meisten anderen Länder verfügen nicht über derartige Statistiken. Dazu kommt noch, dass Alkoholmissbrauch während der Schwangerschaft selten gemeldet wird: Frauen schämen sich deswegen; sie suchen keine Hilfe. Das erschwert natürlich die Aufzeichnung.“
Wenn Alkoholüberkonsum dem Fötus ernsthaften Schaden zufügt, bedeutet dies dann, dass ein leichter Konsum leichten Schaden verursacht? Moira Plant: „Davon ist man lange Zeit ausgegangen. Starker Alkoholkonsum kann FAS verursachen, mäßiger oder leichter Alkoholkonsum kann zu Schäden führen, die unter dem Nenner FASD (fetal alcohol spectrum disorders) zusammengefasst werden. Dabei soll es sich um neurologische Störungen, Verhaltensstörungen, Lernprobleme, ADHD (attention deficit hyperactivity disorder), Konzentrationsstörungen und dergleichen handeln.“
Ist leichter Alkoholkonsum also schädlich für den Fötus? Moira Plant: „Das ist sehr schwer zu sagen. Die Wissenschaft hat darauf keine klare Antwort. Die meisten wissenschaftlichen Forschungen konzentrieren sich auf übermäßigen Alkoholkonsum, der sehr schädlich für das Baby ist. Es besteht ein dringender Bedarf an einer Forschung nach den Effekten des leichten Konsums, auch wenn das sehr schwierig durchführbar ist, da so viele Faktoren die Schwangerschaft beeinflussen.“
Was sollen wir dann schwangeren Frauen empfehlen? Moira Plant: „Schwangere Frauen und Frauen, die schwanger werden möchten, trinken besser nicht. Aber ob ein Gläschen ab und zu schaden kann, ist überhaupt nicht sicher. Wenn man die Gefahr eines Alkoholkonsums in der Schwangerschaft zu streng beurteilt und Frauen den Eindruck gibt, dass jedes Glas ihrem Baby schade, dann belasten wir sie mit zusätzlichen Schuldgefühlen. Der Stress, den dies verursacht, ist sicher schädlich für den Fötus, auch darüber besteht wissenschaftliche Gewissheit. Außerdem wird der Schaden bei übermäßigem Konsum hauptsächlich während der ersten zwölf Wochen der Schwangerschaft verursacht, und während des größten Teils dieser Zeit wissen die meisten Frauen nicht einmal, dass sie schwanger sind! Welchen Nutzen hat eine Vorbeugung dann? Frauen, die ab und zu ein Gläschen trinken, brauchen sich nicht zu viele Sorgen zu machen. Bei ihnen besteht kein FAS-Risiko. Andererseits stellen wir jedoch fest, dass immer mehr Frauen Alkohol trinken, auch während der Schwangerschaft. Darum ist Aufklärung und Vorbeugung auf diesem Gebiet schon wichtig, so lange sie nicht zu sehr schuldzuweisend sind.“
Dr. Marleen Finoulst
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